HAJO SCHIFF ZUR AUSSTELLUNGSERÖFFNUNG „VON DER WAND IN DEN RAUM IN DEN HIMMEL“ VON HEIKO ZAHLMANN IN DER GALERIE BORCHARDT AM 26. MäRZ 2010

Der coole Auftritt dieser weitgehend abstrakten Arbeiten hier in Heiko Zahlmanns ersten Hamburger Galerie-Ausstellung mag verblüffen – besonders den Teil der Besucher, der weiß, wo die Wurzeln zu diesen Arbeiten liegen. Aber einem anderen Teil werden Worte wie „Tag“, „Bomben“ oder „Sneaker“ egal bis fremd sein und sie werden sich den Bildern, Reliefs und Skulpturen als freie Formen nähern.

Als was sind diese Formen zu lesen? Als abstrakte Bilder, als konstruktive Reliefs? Sind einige davon vielleicht, gerade weil sie weiter hinten im Büroteil dieser Galerie hängen, und weil noch dazu in ihnen die Farbe Grün auftaucht, als Pläne, als architektonische Grundrisse oder stadtplanerische Funktionsebenendiagramme zu lesen?

In der Tat gibt es, gerade bei der schräg ausgerichteten Wandarbeit über der Treppe, Parallelen zu den suprematistischen Formen des revolutionären russischen Konstruktivismus: So übertrug El Lissitzky den supematistischen Ansatz von Malewitsch auf seine Proun-Konstruktionen, die er selbst als „Umsteigestation von Malerei zu Architektur“ bezeichnete. Das scheint ein geeigneter Bezug zu Heiko Zahlmanns Arbeiten, deren hiesige Ausstellung ja immerhin den Titel trägt: „Von der Wand – In den Raum – In den Himmel“. Selbst der vielleicht etwas pathetische letzte Teil „…in den Himmel“ würde gut zu den höchsten Ansprüchen der ja nicht umsonst „Suprematismus“ genannten Kunstrichtung passen.

Nun, „in den Himmel“ kann – gerade, wenn man Heiko Zahlmann kennt – auch weniger kunstmarkt- eitel und weniger religiös-metaphysisch gedeutet werden: Vielmehr als schlichte Beschreibung der Befassung mit der sich vor dem Himmel abzeichnenden Umrissform gebauter Architektur. So gesehen sind die Skulpturenblöcke auch als Entwurf eines Hochhaus-Solitärs zu lesen.

Zwar beeinflusst die gebaute Umwelt Jeden. Aber für nicht gerade mit dem Bauen Befasste, hat der utopische, der skizzierte, der hemmungslos künstlerisch freie Entwurf die größte Faszination. Von El Lissitzkys Wolkenbügel bis zum Plano Piloto Brasilias, das dieses Jahr gerade mit festlichem Aufwand seinen 50 Geburtstag feiert, von der Citta Ideale des Rinacimento bis zur weitgehenden Trockenlegung des Mittelmeeres im Atlantropa-Plan der zwanziger Jahre…

Dass die ungebaute Architektur schöner ist, als die realisierte, ist gewiss gefährlich zu sagen, in einer Galerie, die eine große Nähe zu einem Architekturbüro hat. Aber wie gut es ist, das nicht alle Planungen zwischen 1920 und 1960 auch umgesetzt wurden, dürfte allein bei so verschiedenen Plänen klar sein, wie Paris durch wenige freistehende Hochhausblöcke (Le Corbusier: Plan Voisin de Paris, 1925) zu ersetzen oder Berlin zu „Germania“ zu verwandeln. Und zudem ist ja hier die Stadt, in der Hafen-City und das zukünftige Weltkulturerbe Elbphilharmonie mit Mühe ihre modellhaft gewonnene Ausstrahlung in der Praxis zu erringen suchen.

Doch statt kulturpolitischer Polemiken, zurück zum Künstler. Beleuchten wir den Hintergrund der Kunst von Heiko Zahlmann, zeigt sich: Seine Akademie war die Straße. Heiko Zahlmann hat seinen Ausdruck beim Sprühen entwickelt. In der Stadtwüste hat er das Gucken gelernt und im schnellen Arbeiten an städtischen Un-Orten seine Malschrift geübt. Vor allem seinen Alias-Namen hatte er in eine Buchstabenarchitektur verwandelt und entwarf Schriftzüge – schon damals – als eine Art Architektur. Dabei war er – erst illegal, dann mehr und mehr legal – zusammen mit der Gruppe „Getting Up“ sehr erfolgreich.

Im Karoviertel ist noch heute einiges von ihm zu sehen und auch an großen Wandbildern war er beteiligt – wie an einem Kirchturm in Hamburg Lohbrügge, am Dock von Blohm & Voss und bei anderen Firmen. Er und seine Atelierpartner Mirko Reisser und Gerrit Peters luden 2000, 2001 und 2002 internationale Graffiti-Kollegen zur Ausstellung „Urban Discipline“. Und Heiko Zahlmann kennt natürlich auch den teuer gehandelten, bis heute für die Öffentlichkeit anonymen Szenestar Banksy. Doch das alles reichte ihm nicht. Die komplexe, doch manchmal ausgrenzende Kultur der Sprüherszene erlaubt mehr als nur hippe Übertragungen in die Welt der Werbung. Heiko Zahlmann wollte mit seiner Kunst in den Raum. So wird das einmal langwierig und meditativ Entwickelte immer weiter reduziert: Erst ließ er die die weichen, die dem Sprühen so typischen Farb-Übergange weg, dann auch die Umrahmungen und harten Schattengrenzen. Immer mehr werden die Buchstaben zu architektonischen Blocks. Und schließlich lässt Heiko Zahlmann auch noch die Farbe weitgehend verschwinden. Neu hinzu bei diesen natürlich nicht mehr in der Öffentlichkeit, sondern im Atelier erstellten Arbeiten tritt dann die bisher nur illusionär dargestellte dritte Dimension: Reliefs und Plastiken entstehen. Die an der Architektur gewonnene Sprayersensibilität formuliert nun nicht mehr eine Ergänzung, sondern eine souveräne Eigenständigkeit als Architektur-Element. Die Charakteristika der Sprühdose scheinen aufgehoben: Die perspektivisch genau berechnete, harte Form – sie ist zur plastischen Dreidimensionalität geworden, und die typischen nebeligen Übergänge – sie sind an das in der Dreidimensionalität wirkende Spiel von Licht und Schatten abgetreten. Die Dynamik des schnell gesprühten Schriftzuges wird zur Form, mit das vor Ort vorgefundene Licht spielt.

Der Sprayer ist zum Plastiker geworden. Aber wieder geht er zurück in den Außenraum. Bisher bestes Beispiel dafür ist „20357“, die begehbare Skulptur aus 100 Tonnen Beton am Karolinenplatz. Und inzwischen kooperiert Heiko Zahlmann mit Architekten, um seine sprechenden Formen im Großen ins Stadtbild einzuschreiben.

Heiko Zahlmann selbst sagt, er mache nun „Graffiti ohne Graffiti“ oder bezeichnet sein Arbeitsfeld einfach als „Graffiti 3.0“. Doch in der Weiterentwicklung seiner Kunst leugnet er die Quellen nicht: Auf Betontafeln erweist er den einfachen Markierungen seiner Wurzeln seine Reverenz und gibt so auf dem sozusagen originalen Material im neutralen Ausstellungsraum eine Ahnung von der Kraft der Setzung, die schon ein einfacher gesprühter Strich aus dem Handgelenk erreichen kann. Und was wie die Teile eines großen Manuskripts wirkt, sind auf Grundierung eingekratzte Ritzungen in der wortwörtlichen alten Tradition individueller Sgraffitos.

Es gibt eine starke Beziehung von Schrift und Stadt. Als einige schon vor Jahrzehnten anfingen, die „Schmierereien“ der Sprüher als Kunst, ja als aktuelles Stadt-Design zu bezeichnen, haben die meisten sie für abseitig erklärt. Aber inzwischen ist aus dieser Szene so einiges erwachsen – wobei Stadt-Design ein weiter Begriff wurde: Design aus der Stadt, Design für die Stadt und Design der Stadt selbst. Auf der Straße zum anerkannten Künstler mit gruppenspezifischen „Fame“ in eben jenem spezifischen Metier des Sprühens geworden, verlegen die Besten die praktische Stadtgestaltung auf das Entwerfen. Und das umfasst eben nicht mehr nur Fassaden, sondern gleich ganze Architekturen. Und nebenbei auch noch Mode.

Heiko Zahlmann hat seine Schrift-Form-Findung und Verschlüsselung aus einer einst gruppenspezifischen Codierung zu einer künstlerischen Methode gemacht, einer Methode, Ornamenten und darüber hinaus der Architektur selbst eine eingeschriebene Bedeutung zu geben. Die gewöhnlich nur praktisch verstandene, zu klarem Bedeutungstransport genutzte Schrift wird zu einem komplexen, für Nichteingeweihte nicht mehr verständlichen, fast sakralem bzw. künstlerischen Zeichensystem. Man könnte sagen, die arbiträren Glyphen werden unter weitgehender Aufgabe der Lesbarkeit zu einem speziellen bildnerischen Metazeichen, zu Hieroglyphen. Das Seltsame daran ist, es ist nicht einmal notwendig, deren Bedeutung zu verstehen, also das Gesehene gänzlich entschlüsseln zu können – es reicht zu spüren oder zu wissen, dass das Präsentierte eine Bedeutung hat und keine willkürliche Setzung ist. Denn das spürt man. So etwas klingt auch in dem Spruch mit, den Heiko Zahlmann auf der Straße aufschnappte und zum Titel des neuesten, mit „Gudberg“ produzierten Künstler-Buches machte: „Ist das von diese Kunstwerke oder normal?“

Dieses positive Unterstellen von Bedeutung ist ein grundlegend wichtiges Kriterium für Kunst. Es sei auch in Referenz zu Architektur und Stadtplanung erläutert: Es gibt Orte an und in denen man sich wohlfühlt, da ihnen beispielsweise eine Struktur eingeschrieben ist, auch ohne dass man diese entschlüsseln muss, will oder kann (zum Beispiel Proportionsschemata, Harmonische Systeme in der Gotik, Renaissance-Ordnungen, goldener Schnitt etc.)

Ordnung, Ornament und Schrift haben sehr viel miteinander zu tun. Die geordnete Schrift einer fremden Kultur wird für die eigene zum Ornament – seien es die Zeichen der Sprüher oder die Notation des Chinesischen. Dabei gibt es natürlich auch zahlreiche Missverständnisse, absichtlich oder zufällig. So gibt es bei billigem Design – und auch in der Kunst – völlig sinnlose chinesische Schriftzeichen und auch die ägyptischen Hieroglyphen wurden besonders von barocken Künstlern und werden bis heute von chinesischen Billigsouvenirherstellern sinnentstellend und nicht lesbar umgeformt. Insbesondere sei aber hier auf die kufische Monumentalschrift des Arabischen hingewiesen, speziell in einer mäandernd-ornamentalen Ausformung als Räume oder Gebäude wie einen Ziersims umziehendes Band. Gut zu sehen ist diese im Mittelalter in Blüte stehende ornamentale Schreibform in der Mudejar-Kunst Spaniens, also an Gebäuden, die nach der Reconquista in den befreiten Gebieten verbliebene islamische oder islamisch geschulte Künstler für christliche Auftraggeber erstellt haben. Was nur wie Schmuck erscheint, kann vom Wissenden als Lobpreisung Allahs gelesen werden. Im politischen Kontext könnte man das als eine geradezu boshafte Verschlüsselung verstehen, ästhetisch ist es aber eher das Gegenteil: eine Begründung eines ornamentalen Gefüges durch eine Sinnstruktur. Dabei muss es nicht unbedingt Schrift sein, die einem Ornament Sinn einschreibt: Bei dem berühmten frühzeitlichen Berliner Goldhut wurde dessen lange bloß musterhaft erscheinende Kombination aus Punkten und Kreisen inzwischen als mathematisches System der Jahres- und Sternenordnung erkannt. Das auch für Heiko Zahlmann zutreffende scheinbare Paradoxon einer offen lesbaren, aber deswegen noch nicht verstehbaren Schrift ist also kein singuläres kulturelles Phänomen.

Der Hinweis auf das Kufische hat im Übrigen einen noch besonderen Witz: Der Worten ohnehin nicht abgeneigte, große Architekt Rem Kohlhaas hat bei Heiko Zahlmann angefragt, ob er nicht im Rahmen des Projekts für ein neues Research- und Science-Center in Qatar (Vereinigte arabische Emirate) ein Fassaden-Relief erstellen wolle.

Das ist doch für einen einst illegalen Sprüher eine bemerkenswerte Karriere. Dazu ergibt sich für einen kulturgeschichtlich bewanderten Betrachter ein kleiner historischer Witz: Es bestünde nun also die Möglichkeit, in Umkehrung der ästhetischen Praxis in Spanien der Zeit zwischen ca. 1150 und 1492, nun dem arabischen Kulturkreis gegenüber eine geheime Ornamentbotschaft ans eigene Haus zu schreiben. Das ist allerdings eine rein hypothetische Idee, denn der Auftrag soll ja nicht gefährdet werden. Es geht nur darum, klar zu machen, wie fließend die Übergänge zwischen Schrift und Ornament, Muster und Bedeutung sein können.

Die Wahrnehmung von Ornamenten ist übrigens individuell recht verschieden. Das ist gut bei der großen, in Bimsstein gelaserten Arbeit (aber auch bei dem ähnlichen Muster auf dem NIKE-Schuh) zu sehen: So reduziert dieses Muster ist, es lässt verschiedene Zugänge offen. „Liest“ man das Muster, indem man mit den Augen einer mäandernden Linie folgt oder erkennt man sich überlagernde Umrisse von Rechtecken und Quadraten – diese beiden unterschiedlichen Sichtweisen könnten sogar etwas über den jeweilige grundsätzlichen Zugang zur Welt aussagen. Und vielleicht sieht man in den umrissenen, verschieden großen Flächen gar leicht unterschiedliche Farbtöne, die die Augen einem vorgaukeln…

Über die Ausstellung hinaus gibt der Film „3D“ von Boris Castro weitergehende Informationen zum Werk von Heiko Zahlmann.

Halo Schiff, 2010