HEIKO ZAHLMANN – MITTENDRIN

Heiko Zahlmann mischt sich ein. Immer schon. Dort, wo er lebt. Dort, wo er Stadt erlebt und dort, wo er mit Menschen lebt. Heiko Zahlmann lebt und arbeitet im und für den urbanen Raum. Zunächst nur im Außenraum, sehr bald überall dort, wo Menschen sind. Erst eher illegal, längst offiziell beauftragt.

Vergessene Wände.

1989 beginnt er zu sprayen. Ab 1993 ist er „Vollzeit-Sprüher“ ohne Auftrag oder mit – um freie Arbeiten zu finanzieren, sich auszuprobieren, Techniken zu perfektionieren. Er ist beteiligt am höchsten Graffiti der Welt und am beinahe einen Kilometer langen.
Die seit 1989 weltweit entstehenden Schriftzüge sind nicht immer für Nichteingeweihte als sprachliche Bedeutungsträger zu entziffern – ehrlicher Weise: eher selten. So ist das bei Tags: sie wirken, weil sie laut, kämpferisch, leidenschaftlich und emotional sind. Schrift ist sein Medium. Aus den einzelnen Buchstaben kreiert er abstrakte Zeichen, deren alphabetischen Ursprung nur er kennt. Die Zeichen bilden Perspektiven, lassen die Wände vergessen, mischen sich vehement in ihre Umgebung ein. Finden den Eingang von Galerien und Museen. Wandern vom gesprayten Underground der Straße als Acrylmalerei auf die Grundierung von Leinwänden. Bald ist die Farbpalette ausgereizt und weicht schwarzer, weißer, grauer Monochromie. Die Bilder wachsen als „Buchstaben-Architekturen“ in den Raum.

Heiko Zahlmann sprayt nicht mehr. Er malt nicht mehr. Er fräst, ritzt und spachtelt jetzt; verwendet Beton, übermalt das schwere Material mit Dispersionsfarbe. Findet durch die Zusammenarbeit mit Architekten moderne, leichtere Materialien. Abstrahiert von seinen Buchstaben geometrische Zeichen, Formationen und Baukörper. Längst sind sie verschlüsseltes, autonomes Statement, definieren, dimensionieren und prägen Orte und Räume. Ob er wohl immer noch die gleiche Musik hört, wie in seiner Zeit als Sprayer auf der Straße? Könnte sein.

Vergessene Kämpfe.

Es gab eine Zeit, in der Begriffe wie „Kunst am Bau“, „Plastik im Freien“, „Straßenkunst“ und „Kunst im öffentlichen Raum“ populär waren. Das war in den 50er, 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts. In diesen Jahrzehnten erschien es Bau- und Kulturverwaltungen landauf landab wichtig die Kunst zu befreien; aus den Fängen der Architektur und der Architekten. Man machte sich stark für öffentlich finanzierte Kunstwerke im städtischen Raum, ohne architektonische Mitsprache.

Freie Kunst, keine nachträgliche Dekoration von Gebäuden. Und hoffte auf Kunstinteressierte jenseits von Museums- und Galeriebesuchern. Das hat manchmal gut und manchmal gar nicht geklappt. Denn schließlich muss alles öffentlich Beauftragte genehmigt werden. Vom Stadtplanungs-, Liegenschafts- und Bauordnungsamt, unter Umständen vom Garten- und Friedhofsamt, vom Hoch- und Tiefbauamt, vom Amt für Wasserwirtschaft, der Polizei, vom technischen Überwachungsverein, der Kulturbehörde, der Kunstkommission, der Bürgerschaft – alle haben Wichtiges zu sagen. Voraussetzung ist ein Etat zur Realisierung dieser Projekte. Im Hamburg der 80er Jahre gab es dafür jedes Jahr eine Million Mark. Es entstanden viele überregional und sogar international beachtete Projekte im öffentlichen Raum.1 Heiß diskutiert in Politik, Medien und auf der Straße. Im öffentlichen Raum mischen eben alle mit; und tragen dann auch mal zur Verhinderung von Kunstprojekten bei. Legendär in diesem Zusammenhang ist nach wie vor das lautstarke Scheitern von Joseph Beuys’ „Spüfeldprojekt“ 1984 in Hamburg Altenwerder. Gegen den Willen der damals amtierenden Kultursenatorin. Dafür mit Hilfe der Bild-Zeitung, die den genehmigten Etat für den „Klamotten-Künstler“ in Sozialhilfeleistungen umrechnete.

Anderenorts hat es aus anderen Gründen nicht immer so gut geklappt mit der Kunst im öffentlichen Raum: Man kann halt Kunst nicht einfach vergrößern und kontextlos auf Straßen oder Plätzen abstellen. Unverständnis, Empörung, manchmal sogar Aggression ob dieser Ignoranz dem gewachsenen Umfeld gegenüber, entlarvt diese „drop sculptures“ schnell. „Kunst im Außenraum bedarf, soll sie denn zwingend sein und Sinn stiften, einerseits der Begründung aus dem öffentlichen Zusammenhang, auf den sie sich einlässt, und andererseits einer Richtung, die unmittelbar auf jenes soziale Gefüge zielt, in dem sie stattfindet. Andernfalls bleibt sie beliebiges Dekor und begibt sich ihrer Verantwortung fürs Ganze“.2 Etwas besser erging es temporären Projekten. Klug überlegte Interventionen im öffentlichen Stadtraum, die nach ein paar Wochen wieder verschwanden. Wie die Jenisch-Park Skulpturenausstellung mit den damals „Modellbauern“ genannten Künstlern Bogomir Ecker, Stephan Huber, Thomas Schütte oder Bernhard Prinz. Sie ließen sich mit ihren Werken auf den beliebten Hamburger Park ein. Dennoch ernteten sie 1986 den Missmut der täglichen Parkbesucher, mussten Zerstörung und sogar Diebstahl ihrer Werke hinnehmen. Die Anwohner wollten keine, auch keine zeitlich begrenzte Veränderung in ihrem Park. Und keine Kunst. Aus der Rückschau betrachtet, trotzdem ein gelungenes Experiment. Oder die „Vier Männer auf Bojen“ von Stephan Balkenhol. 1993, kurz nach ihrer Aufstellung an vier Orten auf Alster und Elbe, erhielt die Wasserschutzpolizei Anrufe von besorgten Bürgern: Auf der Elbe ertrinkt gerade jemand! Heute erklärt jeder Hafenrundfahrtkapitän, dass es sich um Kunst handelt. Und die Gäste der Strandperle lieben ihren Mann auf Boje von April bis November, leicht schwankend auf den Wellen dümpelnd.

Nicht vergessene Menschen.

Heiko Zahlmann kennt die Kompliziertheit öffentlicher Genehmigungsverfahren, die Bedürfnisse von Anwohnern, die Annektierung von Kunst durch die Öffentlichkeit. Er hat diese Erfahrungen immer schon gemacht; und noch einmal im Besonderen 2008 mit „20357“, seiner begehbaren Skulptur auf dem Hamburger Karolinenplatz. Er bleibt trotzdem fröhlich.

Weil er das alles als Prozess und Teil seiner Arbeit versteht. Auch vor Architekten fürchtet er sich nicht. Am wenigsten vor den engagierten BN Architekten. Sie banden ihn von vornherein in ihren Ideenwettbewerbsbeitrag für Hamburgs Designzentrum designxport ein. Konsequent und souverän. Ohne Rivalität zwischen Bau- und freier Kunst. Weil seine Arbeit das Ganze akzentuiert; und es allen Spaß macht. So wie seine Zusammenarbeit mit der Galerie Borchardt und BN Architekten für diese Ausstellung. Früh vernetzt er sich lokal und weltweit mit Gleichgesinnten. Momentan bereitet er ein großes Projekt in Katar vor, das Anfang 2013 realisiert wird. Er beschäftigt sich mit seiner Umgebung – der gebauten, der umbauten und den in und dazwischen lebenden Menschen. Er solidarisiert sich mit seiner Umgebung. Das merkt man ihm an. Er erhebt sich nicht über Vorhandenes oder Vorhandene. Er dient aber auch nicht. Nichts und Niemandem. So ist das wohl in Rothenburgsort, wo er sein Atelier hat. Und so ist das auf jeden Fall auf St. Pauli, wo er lebt: Hinaus aus dem Kiez, hinein in die Welt. Und Heiko Zahlmann – mittendrin.

Dr. Babette Peters, im Sommer 2012

 

  1. 1  Vgl. Kunst im öffentlichen Raum, Anstöße der 80er Jahre, Hrsg Volker Plagemann, DuMont Verlag, Köln 1999
  2. 2  Uwe M. Schneede, Joseph Beuys‘ „Gesamtkunstwerk Freie und Hansestadt Hamburg“, S. 205